Olympia-Musik

Unter der gängigen Bezeichnung Olympia-Musik versteht man Kompositionen von Gunild Keetman (1904-1990) nach einer Skizze von Carl Orff (1895-1982) für das Festspiel „Olympische Jugend“ zur Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Die Musikstücke hatten die Funktion einer Bewegungsmusik zu den Choreographien von Dorothee Günther (1896-1975) und Maja Lex (1906-1986) im Olympiastadion. Der Auftrag zu dieser Musik kam von Carl Diem (1882-1962), dem Vorsitzenden des Deutschen Olympischen Komitees, der schon länger mit Pierre Coubertin, dem Begründer der modernen Olympischen Spiele in Kontakt war (Thomas 1998, 14). Eine Verbindung zur > Günther-Schule ergab sich durch Diems Frau, Liselott Diem, die dort Schülerin war. Der Vertrag mit Orff vom 19.3.1935 (Original: OZM, Kopie: Thomas 1998, 11) zeigt, dass die NS-Regierung darauf keinen Einfluss genommen hat. Der Präsident des IOC, „Graf Baillet-Latour, Nachfolger von Baron Pierre Coubertin (1863-1937), hatte Hitler klarzumachen verstanden, dass das IOC die Spiele in Berlin nur dann bestätigen würde, wenn Carl Diem und Theodor Lewald in ihren Ämtern bleiben würden“ (Thomas 1998, 14). Er hatte dazu „die schriftliche Versicherung des Innenministeriums erhalten, dass jede Rassendiskriminierung unterbleiben werde“ (ebd. 14).

Die Beteiligung der Günther-Schule sah nach dem Textheft des Festspiels (Diem 1936, 5ff., hier wörtliche Abschrift nach Thomas 1998, 25ff.) folgendermaßen aus:

Erstes Bild: Kindliches Spiel

Die Olympia-Glocke läutet: „Ich rufe die Jugend der Welt“
Festlicher Willkommruf Werner Egk
Einströmen der Kinder in die Kampfbahn Carl Orff
Sprecher
Kinderreigen Carl Orff
Bildung der olympischen Fahne Carl Orff
(Glockenspiel der Potsdamer Garnisonskirche)

 

Zweites Bild: Anmut der Mädchen

Hereintanzen der Mädchen Carl Orff
Sprecher
Tanzreigen Carl Orff
Walzer getanzt von Palucca
Lebendiger Rasen Carl Orff
I. Teil: Ball-, Reifen- und Keulenspiele
II. Teil: Lebhaftes Laufspiel

 

Im Programmheft werden folgende Angaben zu den Ausführenden gemacht:

Erstes Bild Kindliches Spiel
Künstlerische Leitung: Dorothee Günther

Entwurf und Einstudierung des Kinderreigens: Dorothee Günther und Maja Lex
Assistenz: Rose Daiber
Entwurf und Einstudierung des Bewegungsbildes „Olympische Fahne“: Dorothee Günthe

Zweites Bild Anmut der Mädchen
Künstlerische Leitung: Dorothee Günther

Entwurf und Einstudierung des Laufreigens: Dorothee Günther und Maja Lex
Assistenz: Lola Irmer, Ursel Scharf
Einzeltanz: Palucca

Lebendiger Rasen
1. Teil: Ball-, Reifen- und Keulenspiele
Leitung: Hinrich Medau
2. Teil: Lebhaftes Laufspiel
Entwurf und Einstudierung: Dorothee Günther

Musikalische Ausführung
Jugendorchester der Güntherschule München-Berlin Leitung: Gunild Keetman
Entwurf und Einstudierung des Laufreigens: wie oben. Assistenz: Lola Irmer, Ursel Scharf

Zu den Choreographien im ersten Teil hat Orff Melodie- und Satzbausteine notiert (Thomas 1998, 31 f.), wie man sie im 2. Teil der > „Rhythmisch-melodischen Übung“ (Orff 1933) findet, verbunden mit Hinweisen zur instrumentalen Besetzung:

„Da jeder der Mitwirkenden eine Reihe von Instrumenten beherrschen muss, kann ein bunter Wechsel der Klänge erreicht werden. (…) Die in den Reigen verwendeten Instrumente sind:

  1. Alle Arten von Blockflöten (Diskant bis Bass), in solistischer und chorischer Besetzung und eine Schalmei.
  2. Ein Chor Gamben (Sopran bis Bass), Gitarren und Streichbass.
  3. Holz- und Metallstabspiele (Sopran bis Bass), Glasglocken und Glockenspiele.
  4. Große und kleine Pauken und Trommeln.
  5. Cymbeln, Becken, Triangeln, Schellen und kleines Schlagwerk aller Art.“ (Thomas 1998, 31)

Dieses fragmentarische Material wurde von G. Keetman als Komposition ausgeführt und in Partitur gebracht (Ronnefeld 2002, 104f., Fischer 2009, 39ff.). Ein konkretes Bild vermittelt die gedruckte Partitur von 1936 (Keetman 1936) und das Stück „Einzug“ im 3. Band des OSWs > „Musik für Kinder“ (Orff/Keetman 1950-54, Bd. 3, 78-87), das aus der Olympia-Musik übernommen wurde. Das Klangbild ist auf vier Schallplatten der Firma Telefunken dokumentiert, die für das Olympische Komitee hergestellt wurden (OZM). Es zeigt, dass Keetmans Musik weit vom lärmigen Spielschaargetrommel der NS-Organisationen entfernt war. Einen Eindruck vermittelt auch die Einspielung des Stücks „Einzug“ unter Keetmans Leitung in der CD-Dokumentation „Musica Poetica“ und auf der CD „Gunild Keetman Collection“ (Track 3). Satz und Klangbild erinnern an historische Tanzmusik des 16. Jahrhunderts. Die Ästhetik dieser Musik, die durch Schläge an eine Glasglocke (Orff 1976, 204) eingeleitet wurde, orientierte sich an einer eher poetischen Vorstellung von Kinderwelt, wie Pressekritiken zeigen.: „Die Wahl der Instrumente: Blockflöten, Gamben, Holz- und Metallstäbe, Cymbeln, Becken, Triangeln, Schellen, Glasglocken, große und kleine Pauken und Trommeln, erzeugten ein höchst eigenartig getöntes Klangbild von meist pastellener Zartheit. Ihr entspricht auch die Haltung der Einfälle, deren kurze motivische Strophik in der unermüdlichen Wiederholung des Grundgedankens das rhythmische und melodische Fassungsvermögen der Kinder richtig einschätzt“ (Münchener Neueste Nachrichten, 4.8.1936, in: Ronnefeld 2002, 105). Unrühmlich für Orff ist die Tatsache, dass er in den offiziellen Programmen und Ankündigungen die Autorschaft der Musik für sich beansprucht hat. Erst in der gedruckten Ausgabe „Olympische Reigen“ des Schott-Verlags (Keetman 1936), die nach der Olympiade erschien, wird Keetman als Autorin genannt (Fischer 2009, 39-42). Als Ergebnis bleibt festzuhalten: Keetman hat nach fragmentarischen Angaben Orffs eigenständig die Komposition ausgeführt, die Musik mit dem erweiterten Orchester der Günther-Schule einstudiert und sowohl die Proben als auch die Aufführung im Olympiastadion (Foto: Ronnefeld 2002, 105) geleitet. An den Proben im Stadion wirkte auch Hans Bergese assistierend mit (Kugler 2002, 113).

In der Literatur wird immer wieder die Olympia-Musik als Beleg für eine enge Beziehung Orffs zum NS-Regime gewertet (> Nationalsozialismus). Die ausführliche Darstellung des Festspiels „Olympische Jugend“ durch die Tanzwissenschaftlerinnen Hedwig Müller und Patricia Stöckemann (Müller/Stöckemann1993, 171-176) lässt eine solche Deutung eigentlich kaum zu. Die Tanzgestaltung von Dorothee Günther und Maja Lex „ist eine großflächige Choreographie, wie sie bei sportlichen Massenveranstaltungen auch in demokratischen Staaten bis heute verwendet wird“ (Kugler 2002, 21) und wie sie auch schon vor 1933 das Bild sportlicher Großveranstaltungen geprägt hat. Wesentlich stärker ideologisch geprägt war das dritte Bild „Jünglinge in Spiel und Ernst“ und vor allem das vierte Bild „Heldenkampf und Totenklage“ (ebd. 179ff.), beide mit Musik von Werner Egk (1901-1983). Damit soll allerdings weder die enge Verflechtung C. Diems in die NS-Sportpolitik ausgeblendet werden noch die Beziehung D. Günthers zu NS-Kulturorganisationen (Müller/Stöckemann 1993, Haselbach 2002) noch schließlich die Tatsache, dass das Festspiel vom NS-Regime als großer propagandistischer Erfolg gewertet worden ist.

Literaturverzeichnis der OSG und COS: Orff 1933, Orff 1976, Kugler 2000, Kugler 2002, Ronnefeld 2002, Fischer 2009

Weitere Literaturhinweise:

Diem, Carl: Olympische Jugend. Festspiel zur Aufführung im Olympia-Stadion am Eröffnungstage der XI. Olympischen Spiele in Berlin. Programm. Musik: Werner Egk, Carl Orff. Berlin 1936 (Original: OZM, Teilkopie: Thomas 1998, 25-29)

Günther, Dorothee/Lex, Maja: Kinder-Reigen für 9 bis 12jährige Mädchen. Entworfen für das Eröffnungsfestspiel der 11. Olympiade Berlin 1936. Mit Musik von Carl Orff und mit Zeichnungen von Dorothee Günther. Berlin 1936 (Original: OZM)

Günther, Dorothee/Lex, Maja: Mädchen-Reigen. Ein Gemeinschaftstanz, entworfen für das Festspiel „Olympische Jugend“ der 11. Olympiade, Berlin 1936. Mit Musik von Carl Orff und Zeichnungen von Dorothee Günther. Berlin 1936 (Original: OZM)

Haselbach, Barbara: Dorothee Günther, in: Kugler, Michael (Hg.): Elementarer Tanz – Elementare Musik. Die Günther-Schule München 1924 bis 1944. Mainz 2002, 50-65

Keetman, Gunild: Olympische Reigen. Ausgabe für 2 und mehr Instrumente. Partitur. Mainz 1936

Müller, Hedwig/Stöckemann, Patricia: „... jeder Mensch ist ein Tänzer“. Ausdruckstanz in Deutschland zwischen 1900 und 1945. Gießen 1993

Thomas, Werner: Olympische Reigen zwischen „Olympisme“ und Diktatur. Carl Orffs Beiträge zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin und 1972 in München. Unveröffentlichtes Manuskript, 64 Seiten, 1998 (OZM)

 

Medien:

Schallplatten mit der Olympia-Musik: Olympisches Komitee XI. Olympiade Berlin: „Einlauf der Kinder“, „Kinder-Reigen“, „Einlauf der Mädchen“, „Mädchen-Reigen“. Telefunken GMBH Berlin, Digitalisierte Fassung OZM. Schallplatte im Handel: Telefunken Nummer E 2032.

Gunild Keetman Collection. Aus „Musik für Kinder“ – Orff-Schulwerk. Freiburg, Harmonia Mundi 1991

Orff, Carl/Keetman, Gunild: Musica Poetica. Orff-Schulwerk. 6 CDs mit ausführlichem deutsch-englischem  Booklet von Werner Thomas. Freiburg, Harmonia Mundi 1994 (Original auf LP 1963-1971)

Erstellt am 14.01.2020
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