Klavier / Klavierübung

Das Klavier spielt in Orffs Leben und Werk eine zentrale Rolle. Die biographische Bedeutung des Klaviers beginnt schon beim Vorschulkind. Der kleine Carl sitzt unter dem Flügel und hört das Spiel seiner Mutter, einer ausgebildeten Pianistin. Als der Kleine sich eigene Tonfolgen zusammensucht, zeichnet sie die Mutter auf und ergänzt sie zu einer kleinen Komposition. Dem Fünfjährigen gibt sie den ersten Klavierunterricht (Orff 1975, 21f.) und spielt später auch vierhändig mit ihm. So wird das Klavier für Orff, tiefenpsychologisch interpretiert, zu einem Muttersymbol von großer Bedeutung. Es verbindet sich mit Exploration, Improvisation und mit dem Aufzeichnen eigener Musik. Die Wirkung reicht bis zu Klangexperimenten kurz vor seinem Tod (Foto: Gassner 1994, 88). Orff liebte das Arbeiten am Flügel, verbunden mit szenischer Gestik und vokalen Äußerungen (Foto mit W. Hiller: Gassner 1994, 46f.). Klaviere (Flügel) gehören zu fast jeder Partitur Orffs. In den Werfel-Kantaten sind es zwei Klaviere, in den „Carmina Burana“ ebenfalls, in der „Antigonae“ sechs und im „Prometheus“ vier Flügel mit acht Spielern. Für die Bedeutung des Klaviers spricht auch, dass Orff eine Bearbeitung seiner „Carmina Burana“ für zwei Klaviere und Schlaginstrumente autorisiert hat. Die Klangästhetik des Klaviers hat bei Orff perkussiven Charakter. Während seine frühen Klavierlieder am Stil der Richard Strauss Ära anknüpfen, tritt der Klavierklang in den Kantaten nach Texten von F. Werfel und B. Brecht (1930) bereits weitgehend mit perkussiv gestalteten Phrasen und Klangblöcken in Erscheinung. Die Annahme liegt nahe, dass Orff sowohl von I. Strawinskys „Les noces“ (1923) als auch vom perkussiven Spiel im Jazz beeinflusst war. Godela Orff berichtet, dass ihr Vater den Chor „O, o, o, totus floreo“ („Carmina Burana“) „wie einen kessen Schlager auf dem Flügel ‚hinhaute‘“ (G. Orff 1992, 37). Das Klavier war für Orff Klanginstrument und Schlaginstrument in einem.

In der > Günther-Schule waren die Fächer Klavier und Klavierimprovisation Pflicht. Orff war selbst ein beeindruckender Klavierimprovisator (Keetman, in: Haselbach 2011, 51f.). Der Improvisationsunterricht fand in Gruppen statt. So konnten an zwei Klavieren bis zu vier Schülerinnen unterrichtet werden. Auch als längst das Perkussionsinstrumentarium die größere Rolle spielte, hielt Orff am Klavierunterricht fest. Er begründete es damit, dass „nur auf diesem Instrument die Erschließung großer Klangräume“ (Orff 1976, 49) möglich sei. Die Gestaltung eines Klangraums wird seit seiner Beschäftigung mit der > Alten Musik eine wichtige  Kompositionstechnik. Als die Cembalistin Anna Barbara Speckner um 1928 an die Günther-Schule kommt, bringt sie die Tastenmusik des 16. und 17. Jahrhunderts mit, die auch als Basis für Choreographien gedient hat. Orff hat seine Klavierpraxis an der Günther-Schule ausführlich beschrieben und mit Notenbeispielen dokumentiert (Orff 1976, 31-62). Einen kompetenten Versuch einer klanglichen Realisierung von Wilfried Hiller bringt die CD Produktion „Orff-Schulwerk Vol. 3, Piano Music“ (Kraus/Hiller, Track 30-38). Die wichtigsten Merkmale dieser frühen Praxis sind

  1. Das harmonische Geschehen ist monoklanglich und wird von > Bordun, Fundamentklang, Klangblock und rudimentärer > Stufenharmonik bestimmt. Die Bordunklänge sind vielfältig differenziert.

  2. Das melodische Geschehen verwendet pentatonische und modale (= kirchentonale) Skalen (> Modi) und entfaltet sich durch Kolorierung, Paraphonie (Parallelismus) und metrisch freie Melodietypen.

  3. Der musikalische Ablauf wird vom > Ostinato-Prinzip (Pattern-Prinzip), oft auf der Basis von Tanztypen geformt.

Nach den > Schulwerkkursen (1932-33) erkannte Orff, dass die Beschränkung auf Blockflöten und Schlaginstrumente zu einer Isolierung seiner Konzeption führen könnte und dass das elementare Musikmachen auch auf Instrumente der tradierten Kunstmusik ausgedehnt werden müsse. Er machte deshalb die „Klavierübung“ zu einer Abteilung des OSWs > Elementare Musikübung. Es erschienen drei Hefte von Orffs Assistenten Hans Bergese (Bergese 1933 und Kugler 2002, 115) und das Heft „Klavier-Übung. Kleines Spielbuch“ von Orff selbst (Orff 1934/1962). Dieses kleine Spielbuch ist in gewissem Sinne mit B. Bartóks „Musik für Kinder“ verwandt. Das erste Stück zitiert sogar das Thema von Bartóks Eingangsstück „Spielende Kinder“ (Schmerda 1996, o.S.).  Kurze Bausteine aus der „Rhythmisch-melodischen Übung“ sind zu einem Klaviersatz erweitert oder finden sich kompositorisch ausgearbeitet in den „Carmina Burana“ und in „Der Mond“ (Thomas 1977, 126ff., Kugler 2000, 256ff., Schmerda 1996 o.S.). Vom „Kleinen Spielbuch“ aus können also im Klavierunterricht Verbindungen zu Orffs Kompositionen hergestellt werden. Es bietet für einen kreativen Klavierunterricht viel Material. Ziel ist der Umgang musikalischen Strukturen und nicht die spieltechnische Schulung (Regner 1987): „Phantasie ist es, was hier geweckt und geschult werden soll“ (Orff 1976, 131). Von Orffs individualisierter Vorstellung von Klavierunterricht zeugt der Bericht seiner Privatschülerin Christa Spangenberg. Orff begann die Stunde mit dem Hören von Schallplattenbeispielen aus dem Klassik-Repertoire und gab der Schülerin dann Impulse zum freien Spiel, dem Variieren einer Melodie, dem Spielen nach einem gegebenen Rhythmus auf der Rahmentrommel und dem Erfinden einer Melodie zu einem ostinaten Bass. Die Schülerin kommentierte im Rückblick: „Er konnte wirklich sehr gut auf ein Kind eingehen“ (Woska-Hiller 2002). Das ab 1947 entstandene OSW „Musik für Kinder“ sieht kein Klavier vor. Schon in den dreißiger Jahren hatte Orff verlangt, beim elementaren Muszieren müsse „vor allem das helfende Klavier vermieden werden“ (Kugler 2002, 175). Bei den Rundfunkaufnahmen für die „Musik für Kinder“ wurde lediglich zuweilen Cembalo verwendet (Fotografie ca. 1949, in: Bayerischer Rundfunk 1995, 15), dessen perkussive Klangästhetik ebenso wie Laute und Gitarre mit Orffs Vorstellungen harmoniert.

 

Literaturverzeichnis der OSG und COS: Orff 1934/1962, Orff 1975, Regner 1987, Godela Orff 1992, Kugler 2000, Haselbach 2011

 

Weitere Literaturhinweise:

Bayerischer Rundfunk (Hg.): Carl Orff im Bayerischen Rundfunk. Dokumentation zum 100. Geburtstag von Carl Orff. Ausgewählt und zusammengestellt von Bettina Hasselbring. München 1995

Bergese, Hans: Üb- und Spielstücke. Orff-Schulwerk, Klavierübung 2, 3, 6. Mainz 1933

Gassner, Hannelore: Carl Orff: Fotodokumente 1978-1981. München 1994

Schmerda, Susanne: „... an den Fingern Ohren“ – Carl Orff, in: Booklet zu: Orff-Schulwerk, Vol. 3, Piano Music (siehe Medien)

Woska-Hiller, Elisabeth: „...ein jeder hat so seinen Platz“. Zeitzeugen über Carl Orff. Eine Collage von Elisabeth Woska-Hiller, Bayern 4 Klassik, 30.März 2002. Ungedrucktes Sendemanuskript, Zitierung mit freundlicher Genehmigung von Wilfried Hiller.

 

Medien:

Orff-Schulwerk, Vol. 3, Piano Music. Produced by Ulrich Kraus and Wilfried Hiller. Essay by Susanne Schmerda. CD Tucson Arizona 1996, Celestial Harmonies