Hellerau

Der Name Hellerau besitzt Kultstatus für alle, die mit Rhythmik, modernem Kunsttanz und bewegungsorientierter Musikpädagogik zu tun haben. Der besondere Ruf dieser Reformsiedlung geht von der Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze und ihrem europaweiten, aber nur kurzen Ruhm der Jahre 1911-14 aus. Im Jahr 1909 gründete der Industrielle Karl Schmidt (1873-1948) außerhalb von Dresden, also ganz im Sinne der Reformbewegung (Bucholz u.a. 2001) die Gartenstadt Hellerau und siedelte dort seine Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst mit dem Ziel an, die durch die Industrialisierung getrennten Bereiche Handwerk und Kunst wieder zusammenzuführen (Schmidt 2007). Dazu kam die Idee, durch die Verbindung von Arbeitsplatz mit erschwinglichen Wohnungen für die Arbeiterschaft auch die Sozialreform voranzutreiben. Diese Ziele verfolgte auch der Deutsche Werkbund, dessen Generalsekretär Wolf Dohrn (1878-1914) mit visionärer Energie versuchte, in Hellerau die Kulturreform durch eine zentrale Bildungsinstitution zu verwirklichen (Zwiener 2008, 106ff.). Auf der Suche nach einer geeigneten Persönlichkeit für deren Leitung sah Dohrn 1909 in Stuttgart eine bejubelte Vorführung der > Methode Jaques-Dalcroze und lernte Émile Jaques-Dalcroze (1865-1950) persönlich kennen. Bis dahin hatte die MJD zwei Schwerpunkte ausgebildet, die Dohrn bei dieser Präsentation gesehen haben muss, die „Rhythmische Gymnastik“ und das Solfège (Gehörbildung). Der dritte Schwerpunkt, die > Plastique animée (Darstellung von Kunstmusik durch einen festen Bewegungskanon) befand sich noch im experimentellen Stadium und erreichte ihren Höhepunkt erst in Hellerau. Dazu kam ein Theoriekonzept, das Dalcroze in einem Buch (Jaques-Dalcroze 1907) und in zahlreichen Aufsätzen (Jaques-Dalcroze 1921, hier vor allem: Einführung in den Rhythmus, 48-56) ausgebreitet hatte.  Dohrn lud Dalcroze in die Gartenstadt Hellerau ein und machte ihm das Angebot, für seine pädagogische Konzeption eine eigene Bildungsanstalt zu bauen. Beide waren vom Gedanken einer gleichzeitig pädagogischen und künstlerischen Bildung fasziniert, in der „Der Rhythmus als Erziehungsmittel für das Leben und die Kunst“ (Titel Jaques-Dalcroze 1907) die zentrale Rolle spielen sollte. Dalcroze ließ sich überzeugen und ging mit dem wohl allzu hoch gesteckten Ziel nach Hellerau, „durch den Rhythmus ein moralisches und ästhetisches Bauwerk zu errichten … und den Rhythmus zur Höhe einer sozialen Institution zu erheben sowie schließlich einen neuen Stil zu schaffen (Jaques-Dalcroze 1910, in:  Kugler 2000, 67). Im Frühjahr 1910 verließ Dalcroze Genf und begann im Herbst in provisorischen Räumen in Dresden zusammen mit seiner Assistentin Nina Gorter (1866-1922) und 46 Schülerinnen aus Genf die Ausbildung, die er schon 1911 im neuen Schulgebäude fortsetzen konnte.

Nina Gorter hatte in den Niederlanden und in Berlin Gesang und Klavier studiert und sprach außer Niederländisch auch Deutsch, Englisch und Französisch. Sie hatte Dalcroze bei einer Vorführung seiner Kinderlieder kennen gelernt und ging 1903 mit ihm nach Genf. Gorter war von den ersten Bewegungsexperimenten an dabei und wählte die Rolle einer dienenden Mitarbeiterin, ohne die der Erfolg der MJD undenkbar wäre. Sie leistete „unschätzbare Dienste im Hinblick auf das Ordnen und Redigieren der ‚Exercices‘, der Methode ihres Meisters“ (Berchthold 1965, zit. Hürtgen-Busch 1996, 104). Es kann keinen Zweifel geben, dass Gorter als Mitautorin der Methode Jaques-Dalcroze anzusehen ist: „Sie notierte alle meine Übungen in der Rhythmik und im Solfège, erprobte sie zuhause und diskutierte sie dann mit mir. Später war sie es, die sie ordnete, als ich mich entschloss, sie … zu veröffentlichen“ (Jaques-Dalcroze 1922, zit. Hürtgen-Busch 1996, 105). Auch die Übersetzung der mehrbändigen MJD ins Deutsche stammt weitgehend von ihr. Sie fungierte schon am Konservatorium in Genf als Lehrerin der Methode Jaques-Dalcroze, gab den Studierenden ergänzenden Unterricht und vertrat Dalcroze, wenn dieser auf Reisen war, die übrigens auch Gorter organisiert hatte. An der Bildungsanstalt in Hellerau trug sie den Titel Oberlehrerin, war Dalcrozes Vertreterin mit umfassenden Kompetenzen und bewältigte in dieser Funktion ein gewaltiges pädagogisches und organisatorisches Aufgabenpensum (Hürtgen-Busch 1996, 112ff.). Gorters Funktion und ihr selbstloser Einsatz für Dalcroze und seine Konzeption lässt sich mit der Rolle vergleichen, die Gunild Keetman für Orff und das Orff-Schulwerk gespielt hat (Kugler 2000, 300f. & Fischer 2009, 371ff.).

Das Zentrum des von Heinrich Tessenow gestalteten neoklassizistischen Baus bildete der große Theatersaal nach der Konzeption des Theaterreformers Adolphe Appia (1862-1928). Seine besonderen Eigenschaften waren die Überwindung der Guckkastenbühne durch einen fließenden Übergang vom Zuschauerraum zur Bühne sowie eine moderne, von Alexander Salzmann geschaffene Beleuchtungsanlage, die ein stufenlos verstellbares und farblich abtönbares Licht ermöglichte (Zwiener 2008, 123ff.). Für den Unterricht standen zwölf Unterrichtsräume, Waschräume, Höfe für Sonnenbäder und Gymnastik, ein Erfrischungsraum und eine Bibliothek zur Verfügung. Appia hatte Dalcroze schon 1906 auf dessen ersten Kurs in Genf kennen gelernt (Kugler 2000, 44 ff.). Da für ihn als Regisseur der entscheidende Gestaltungsfaktor auf der Bühne der Mensch war, bejahte er das von Zeitgenossen aus moralischen Gründen heftig kritisierte eng anliegende Dalcroze-Trikot, das Beine und Arme freigibt. Den zweiten Gestaltungsfaktor bilden Raum und Licht. Dafür entwarf Appia 1909 seine „Espaces rythmiques“ („Rhythmische Räume“). Sie entstehen durch die Verwendung von variablen architektonischen Elementen wie Treppen, Säulen, Podeste, Mauern und Quadern (Abbildungen: Bablet 1982).

Das Projekt Hellerau (Brandenburg 1913, 55-96) machte vor allem durch seine Schulfeste in den Jahren 1912 und 1913 von sich reden, die ein internationales Publikum anzogen. Der Festspielgedanke hatte seine Vorbilder in den Wagner-Festspielen von Bayreuth, in den patriotischen Festspielen der Schweiz und in den Festspielen der griechischen Antike (Seidl 1914). Dalcroze wollte seine Konzeption präsentieren und Skeptiker zu überzeugen. Es ging ihm um ein Gemeinschaftserlebnis von Lehrern, Schülern, Eltern und Gästen und es ging schließlich um die körperliche Darstellung von Musik durch eine neuartige Bewegungskunst. Zweifellos stand hinter der Idee von Hellerau „nicht die Unterwerfung unter ein Kollektiv sondern die Gestaltung eigenen Lebens in der Gemeinschaft, nicht der Nationalismus sondern der Internationalismus, nicht die Weltflucht sondern eine Erneuerung von Kunst und Leben“ (Zwiener 2008, 108). Die Präsentationen bestanden aus Teilen der MJD, nämlich aus der Rhythmischen Gymnastik, dem Solfège und vor allem aus der Plastique animée. Unter letzterer verstand Dalcroze Bewegungsdarstellungen von Kunstmusik, die von vielen Zuschauern begeistert gelobt, von den Gralshütern der Beethoven- und Wagner-Tradition aber abgelehnt wurden (Kugler 2000, 76ff. & 2010, 153ff.). Nachdem es schon wegen der tänzerischen Verkörperung von Kunstmusik durch Isadora Duncan (> Rhythmus- und Tanzbewegung) zu heftigen Diskussionen gekommen war, bereitete die Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze (1912) das Publikum durch ein Programmbuch mit Beiträgen bekannter Autoren auf die Präsentation dieser ungewöhnlichen Bewegungskunst vor. Den Höhepunkt der Schulfeste bildete die Aufführung der Oper „Orpheus“ von Chr. W. Gluck. 1912 kam nur die Furienszene zur Aufführung, 1913 die ganze Oper (Kugler 1989, Kugler 2010). Dalcroze dirigierte beide Aufführungen und führte auch Regie. Der besondere Akzent lag auf der Darstellung von Glucks gesamter Musik als Plastique animée (Bewegte Plastik). Dabei traten die Schüler/innen „der Bildungsanstalt gleichzeitig singend und mit tänzerisch-rhythmischer Bewegung auf. Dies war wohl eins der seltenen Ereignisse der neueren Theatergeschichte, bei dem die Trennung von Chor und Tanz aufgehoben wurde“ (Kugler 1989, 194). Der europäische Rang dieser Festspiele lässt sich an den Namen prominenter Besucher ablesen, wie z.B. E. Ansermet, P. Becker, H. Brandenburg, P. Claudel, S. Diaghilev, V. Nijinsky, D. Milhaud, M. Reinhardt, W. Riezler, G. B. Shaw, F. Werfel, S. Fürst Wolkonsky sowie an den zahlreichen Aufsätzen zur Rezeption (N.N. 1913 und Heinold/Großer 2007).

Der Besuch von Sergei Diaghilev (1872-1929), dem Direktor der Ballets Russes und seinem Choreographen und Solotänzer Vaslav Nijinsky (1889-1950) brachte die beiden mit Dalcrozes Meisterschülerin Marie Rambert (1888-1982) zusammen. Diaghilev engagierte sie im November 1912 für die Choreographie von Igor Strawinskys „Sacre du Printemps“. Rambert studierte mit Nijinsky die Partitur und half ihm, für die Choreographie der Uraufführung 1913 die komplizierten Rhythmen von Strawinskys Musik durch Bewegungen aus ihrer Ausbildung in Hellerau zu bewältigen, denn mit dem klassischen Bewegungsrepertoire der Ballets Russes war das nicht erreichbar (Spector 1990, 203f. & Oberzaucher-Schüller 1989).

Helleraus Einfluss auf die Malerei lässt sich zunächst bei dem Schweizer Maler Ferdinand Hodler (1853-1918) festmachen, der auch mit Dalcroze befreundet war. Mit seinem neuhellenistischen Thema Arkadien befindet sich Hodler geistig ganz in der Nähe von Dalcroze und seine dem Jugendstil zuzuordnenden Frauengruppen spiegeln deutlich das ästhetische Ideal der Plastique animée (Senti-Schmidlin 2007). In den Expressionismus weist die Begegnung des Malers Emil Nolde (1867-1956) mit der Dalcroze-Schülerin Mary Wigman (vorher: M. Wiegmann). Sie führt ihm ihre frei improvisierten Bewegungsstudien vor, mit denen sie sich bereits vom strengen Bewegungskanon der Methode Jaques-Dalcroze abwendet. Nolde malt sie und macht sie auf Rudolf von Labans Schule des freien Tanzes auf dem Monte Veritá bei Ascona aufmerksam (> Ausdruckstanz). Die Wigman verlässt nach ihrem Abschlussexamen Hellerau und setzt ihren tänzerischen Weg bei Laban fort (Müller 1986, 31, 36).

Das Jahr 1914 brachte das große Verhängnis nicht nur für Hellerau sondern für ganz Europa. Im Februar verunglückte W. Dohrn tödlich in den Walliser Alpen und am 1. August brach der 1. Weltkrieg aus. Dalcroze weilte bei Kriegsausbruch für die Aufführung seines Festspiels „La Fête de Juin“ mit seiner Familie in Genf und kam trotz eindringlicher Bitten von Harald Dohrn (Bruder von W. Dohrn) nicht nach Hellerau zurück. Im September schloss sich Dalcroze dem internationalen „Genfer Protest“ gegen die Beschießung der Kathedrale von Reims durch die deutschen Truppen an, womit seine Rückkehr nach Deutschland unmöglich gemacht wurde. Den Maler Ferdinand Hodler traf dasselbe Schicksal. Auch er unterzeichnete den Genfer Protest und wurde daraufhin aus allen deutschen Künstlervereinigungen ausgeschlossen. Es ist bemerkenswert, dass dieser engstirnige Nationalismus, der dann der Weimarer Republik das Ende bereitet hat, auch alle Lehrerinnen der MJD in Deutschland und deren Schulen traf (Hürtgen-Busch 1996, 119ff.). Nach dem Kriegsausbruch kehrte die Schülerschaft in ihre Heimatländer zurück, die Zahlungen blieben aus und die Bildungsanstalt ging in Konkurs. Doch schon im Sommer 1915 wurde ein neuer Trägerverein gegründet und im Herbst öffnete die Neue Schule für angewandten Rhythmus Hellerau unter der Leitung von Kurt von Böckmann ihre Pforten. Im Sommer 1925 verließ das gesamte Team Hellerau und setzte seine Arbeit in Laxenburg bei Wien mit tänzerischem Schwerpunkt fort (Chladek 1992, 34ff. & Hürtgen-Busch 1996, 82ff.).

 

Literaturverzeichnis der OSG und COS: Kugler 2000, Fischer 2009

 

Weitere Literaturhinweise:

Bablet, Denis und Louise (Hg.): Adolphe Appia 1862-1928, Darsteller – Raum – Licht. Zürich 1982

Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze (Hg.): Der Rhythmus. Ein Jahrbuch. Jena 1911

Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze (Hg.): Die Schulfeste der Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze. Programmbuch. Jahrbuch Der Rhythmus Bd. 2, 1. Hälfte. Jena 1912

Brandenburg, Hans: Der moderne Tanz. München 1913, 55-86

Buchholz, Kai/Latocha, Rita/Peckmann, Hilke/Wolbert, Klaus (Hg.): Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. Bd. 1, Darmstadt 2001(Ausstellungskatalog)

Chladek, Rosalia: Von Hellerau bei Dresden nach Laxenburg bei Wien, in: Oberzaucher-Schüller (Hg.): Ausdruckstanz. eine mitteleuropäische Bewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wilhelmshaven 1992, 34-70

Dohrn, Wolf: Die Aufgabe der Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze, in: Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze (Hg.): Der Rhythmus. Ein Jahrbuch. Jena 1911, 2-19

Heinold, Erhardt/Großer, Günther (Hg.): Hellerau leuchtete. Zeitzeugenberichte und Erinnerungen. Dresden 2007

Hürtgen-Busch, Songrid: Die Wegbereiterinnen der rhythmisch-musikalischen Erziehung in Deutschland. Frankfurt/M. 1996

Jaques-Dalcroze, Émile: Der Rhythmus als Erziehungsmittel für das Leben und die Kunst. Sechs Vorträge von JD zur Begründung seiner Methode der rhythmischen Gymnastik. Basel 1907

Jaques-Dalcroze, Émile: Rhythmus, Musik und Erziehung. Basel 1921, Neudruck: Wolfenbüttel 1977

Kugler, Michael: Emile Jaques-Dalcroze „Orpheus und Eurydike“, in: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters, Bd. 3, 193-195. München 1989

Kugler, Michael: Musik als visuelles Ereignis, in: Gottdang, Andrea/Wohlfarth, Regina (Hg.): Mit allen Sinnen. Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Fühlen in der Kunst. Leipzig 2010, 144-162

Lorenz, Karl: Wege nach Hellerau. Auf den Spuren der Rhythmik. Dresden 1994

Müller, Hedwig: Mary Wigman. Leben und Werk der großen Tänzerin. Weinheim 1986

N.N.: Die Presse über die Schulfeste 1913, in: Berichte der Dalcroze-Schule, hg. von E. Jaques-Dalcroze, Jg. 1913, H. 3, 2-22

Nitschke, Thomas: Die Gartenstadt Hellerau als pädagogische Provinz. Dresden 2003

Oberzaucher-Schüller, Gunhild: „Die Musik tönt nicht nur in meinen Ohren, mein ganzer Organismus vibriert.“ Über den Stellenwert von Émile Jaques-Dalcrozes „Rhythmischer Gymnastik“ in Vaslav Nijinskys „Sacre“ Choreographie, in: Bühnenkunst 1989, H. 1, 68-74

Sarfert, Hans-Jürgen: Hellerau. Die Gartenstadt und Künstlerkolonie. Dresden 1993 (2.Aufl.)

Schmidt, Karl: Die Gründung von Hellerau, in: Heinold/Großer 2007, 17-24

Seidl, Arthur: Die Hellerauer Schulfeste und die „Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze“. Regensburg 1914 (Deutsche Musikbücherei Bd.2)

Spector, Irwin: Rhythm and Life. The Work of Emile Jaques-Dalcroze. Stuyvesant NY 1990

Storck, Karl: E. Jaques-Dalcroze. Seine Stellung und Aufgabe in unserer Zeit. Stuttgart 1912

Zwiener, Daniel: Als Bewegung sichtbare Musik. Zur Entwicklung und Ästhetik der Methode Jaques-Dalcroze in Deutschland als musikpädagogische Konzeption. Essen 2008

Erstellt am 21.01.2020
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