Elementare Musikübung

Die „Elementare Musikübung“ ist die als erste Publikationsreihe des OSWs und erschien 1932-35 parallel zu den > Schulwerkkursen. Der Titel „Elementare Musikübung“ meint die quasi künstlerische und pädagogische Manifestation von Orffs Konzept der > Elementaren Musik. Der Begriff Übung erinnert an das Begriffsverständnis des Generalbasszeitalters und der Titel von Orffs > „Klavierübung“ klingt an die berühmte „Clavierübung“ von J. S. Bach an. Übung meint hier primär die Einübung in musikalische Strukturen und nicht ein spieltechnisches Exerzitium. Im Schott-Verlag Mainz sind in den Jahren 1932-1935 insgesamt 21 Hefte erschienen, acht von Hans Bergese, acht von Gunild Keetman, vier von Orff und eines von Wilhelm Twittenhoff (Kugler 2000), von denen nach dem 2. Weltkrieg nur wenige neu aufgelegt wurden:

Hans Bergese:
Übung für Schlagwerk. Handtrommel. Mainz 1932
Übung für Schlagwerk. Pauken. Mainz 1932
Spielstücke für kleines Schlagwerk. Mainz 1932
Übung für Stabspiele. Xylophon. Mainz 1933
Üb- und Spielstücke. Klavierübung 2. Mainz 1933
Üb- und Spielstücke. Klavierübung 3. Mainz 1933
Kleine Tänze. Klavierübung 6. Mainz 1933
Stücke zum Singen und Spielen. Mainz 1934

Gunild Keetman:
Spielstücke für kleines Schlagwerk. Mainz 1932, Neudruck: Mainz 1953 (> Spielstücke)
Spielstücke für Blockflöten und kleines Schlagwerk. Mainz 1932, Neudruck: Mainz 1952
Tanz- und Spielstücke. Auftakt, Bolero. Mainz 1932
Spielstücke für Blockflöten. Mainz 1933, Neudruck: Mainz 1951 (> Blockflöte)
Tanz. Mainz 1933
Tanz und Spielstücke. Ekstatischer Tanz. Mainz 1933
Kleines Flötenbuch 1. Mainz 1935 (> Blockflöte)
Kleines Flötenbuch 2. Main z 1935

Carl Orff:
Rhythmisch-melodische Übung. Mainz 1933
Kleines Spielbuch. Klavierübung 1. Mainz 1934 (Neudruck: Klavier-Übung. Kleines Spielbuch. Mainz 1962)
Spiel- und Tanzstücke für eine Geige. Geigenübung 1. Mainz 1934
Spiel- und Tanzstücke für zwei Geigen. Geigenübung 2. Mainz 1934

Wilhelm Twittenhoff:
Orff-Schulwerk. Einführung in Grundlagen und Aufbau. Mainz 1935

Das Verständnis dieser Reihe erschließt sich durch Orffs grundlegendes Heft > „Rhythmisch-melodische Übung“ (Orff 1933, vgl. Kugler 2000, 244-258). Es enthält zwei Teile, der erste mit rhythmischem Material und der zweite mit melodisch-klanglichem Material sowie mit Hinweisen zur > Improvisation. Dieses, bis heute fast unbekannte Heft stellt die erste Anleitung zur Gruppenimprovisation im deutschen Sprachraum dar. Es wurde nach 1945 nicht nachgedruckt und spielte deshalb weder in der Schulwerk-Pädagogik der 1950er Jahre noch in der Improvisationsdidaktik der 1970er Jahre eine Rolle. Dadurch konnte sich das Missverständnis ausbreiten, man müsse die ausgearbeiteten Partiturbeispiele aus der > „Musik für Kinder“ notengetreu reproduzieren, was dann zu dem gängigen Vorurteil führte, das OSW lasse den Kindern zu wenig Freiraum für Kreativität und würde die Kinder auf einen normativen Musikstil festlegen.

Der erste Teil beginnt mit einfachsten Rhythmen in geraden und ungeraden Metren und entfaltet sich bis zu komplizierten unregelmäßigen Metren und polyrhythmischen Gebilden. Orff verlangt im Anhang, die Rhythmen durch > Körperperkussion zu realisieren und erst dann auf Instrumente und auf die Sprache zu übertragen. Von dieser körperlich-rhythmischen Basis aus sollen dann melodische Formen improvisiert werden. Das melodische Arbeitsmaterial des zweiten Teils wird „durch Summen und Singen auf verschiedenen Konsonanten und Vokalen oder Klangsilben zur Darstellung gebracht“ (Orff 1933, 52) und „wie bei den rhythmischen Übungen kann auch hier freie Textierung erfolgen“ (ebd.). Dann erst sollen melodische Instrumente herangezogen werden. Da Orff auf den > Schulwerk-Kursen erhebliche Defizite beim Improvisieren erlebt hatte, gibt er im Anhang im Kleindruck auf zehn Seiten zahlreiche Beispiele, wie aus den notierten Bausteinen improvisatorisch Musik entwickelt werden kann (Thomas 1977, 120-126).

Wie der Titel „Rhythmisch-melodische Übung“ schon sagt, ist die Satzvorstellung vom Musikkonzept orientalischer Musikkulturen geprägt. Rhythmus und Melodie sind die Träger des Geschehens, denen gegenüber die Harmonik völlig in den Hintergrund tritt. Die Herkunft dieses Konzepts lässt sich heute leicht an Aufnahmen authentischer Volks- und Kunstmusik aus der griechisch-anatolischen Tradition, an Musik aus dem Maghreb und aus der Türkei veranschaulichen. Im rhythmischen Teil folgen auf die methodisch einfach gehaltenen ersten Abschnitte bald komplizierte Gebilde mit Taktwechsel, Hemiolenbildungen, asymetrischen Rhythmen, additiven Metren und mit mehrstimmigen Strukturen für verschiedene Klanggesten. Im melodischen Teil dominieren die Modi, ein Bezug zur frühen abendländischen Mehrstimmigkeit und zur älteren Volksliedtradition. Strukturen werden aus kleinschrittigen Bausteinen und Basisintervallen entwickelt, wobei Quint, Hexachord und Oktav oft den Rahmen bilden. Beziehungen zu anderen Konzepten mit einem Bezug zur Volksmusik wie in Béla Bartóks Klavierstücken „Für Kinder“ (1908/09) sind spürbar. In einem längeren Abschnitt experimentiert Orff mit dem mediterranen Melos und die Beispiele „ähneln deshalb mehr Transkriptionen orientalischer Gesänge als einer Melodievorlage aus Mitteleuropa“ (Kugler 2000, 253). Der Teil „Melodische Übung“ bringt auch Beispiele für den elementaren Klangsatz: Bordunton, Bordunquint, schweifender > Bordun, Stufenharmonik, wie z.B. Klangwechsel I-II und die Malagueña-Quart.

In Orffs > Klavierübung und > Geigenübung sind Bausteine aus seiner Rhythmisch-melodischen Übung zu fertigen Stücken mit Modellcharakter weiterentwickelt. Ein Klangbild der Möglichkeiten zwischen Improvisation und Komposition vermittelt in Auszügen die Dokumentation von Kraus/Hiller Vol. 1 (1995) und Vol. 3 (1996). Von hier führt der Weg zu Orffs kompositorischem Werk. So finden sich solche Werkstücke (> Schulwerk. Begriff) aus der „Rhythmisch-melodischen Übung“, sowie aus der Klavier– und Geigenübung in „Carmina Burana“, „Catulli Carmina“, „Der Mond“, „Ein Sommernachtstraum“, und „Die Bernauerin“ (Thomas 1977, 126-132 Kugler 2000, 248-258).

Die Hefte von Keetman und Bergese (Kugler 2002, 109ff.) enthalten spieltechnisches Übungsmaterial für > Handtrommel, > Pauke, > Xylophon und > Blockflöte. Kammermusikalische Kompositionen führen Modelle für die Verfestigung der Improvisation zu einer Komposition vor. So liegen z.B. in Keetmans Heften „Tanz und Spielstücke: Auftakt, Bolero“, „Tanz“ und „Tanz und Spielstücke: Ekstatischer Tanz“ minimalistische Kompositionen (Fischer 2009, 71-239) für Choreographien der Günther-Schule vor. Dass der > „Ekstatische Tanz“ aus improvisatorischer Patternbildung mit > Körperperkussion und Rasseln hervorgegangen ist, lässt sich problemlos nachvollziehen. Einige Hefte von Keetman zeigen die Entfaltung ihres ganz persönlichen Kompositionsstils, der sich in ihren Arbeiten zu Choreographien der Tanzgruppe Günther entwickelt hat. Werner Thomas hat zum ersten Mal seine Eigenständigkeit hervorgehoben (Thomas1977, 17-19) und Michael Kugler beschreibt kompositorische Strukturen (Kugler 2000, 364-368). Erst der Forschungsarbeit von Cornelia Fischer (Fischer 2009) gelingt es, Keetmans Stil als minimalistische (> Minimalismus) Kompositionstechnik zu klassifizieren.

Dieses Orff-Schulwerk hatte im NS-Staat keine Chance zur Verwirklichung und Verbreitung. Es versteht sich als Konzeption zur Entfaltung schöpferischer Individualität durch Improvisation mit einem großen Spielraum von Freiheit, was dem Prinzip kollektiver Vereinheitlichung diametral widersprach. Das elementare Instrumentarium beruht auf afrikanischen, asiatischen und archaischen europäischen Vorbildern. Rhythmus-, Melodie- und Klangstrukturen entfernen sich weit von der gängigen Musikästhetik, wie sie damals das Konzertleben bestimmte. Dass es sich um eine undeutsche Musik handelt, bekamen Orff und die Günther-Schule in einem Artikel des Kulturfunktionärs Rudolf Sonner (Sonner 1936, in: Kugler 2002, 230-233) in der offiziellen Zeitschrift „Die Musik“ mit einem drohenden Unterton vorgehalten.

Literaturverzeichnis der OSG und COS:
Orff 1933, Orff /Keetman 1950-54, Orff 1976, Thomas 1977, Kugler 2000, Kugler 2002, Fischer 2009
Medien:
Gunild Keetman Collection. CD Freiburg 1991, Harmonia Mundi:
Spur 12: Bolero
Spur 13: Spielstücke für Blockflöten und kleines Schlagwerk
Spur 6 & 15: Spielstücke für Blockflöten
Spur 16: Ekstatischer Tanz
Kraus, Ulrich/Hiller, Wilfried (Producer/Arranger): Orff-Schulwerk. Vol. 1, Musica Poetica. Tucson/Arizona 1995, Celestial Harmonies. Auf Spur 28, 29, 31-35 finden sich Bearbeitungen von Material aus der „Rhythmisch-melodischen Übung“.
Dies.: Orff-Schulwerk, Vol. 2, Musik für Kinder. Ebd. Spur 4-11 Stücke aus der „Geigenübung“.
Dies.: Orff-Schulwerk. Vol. 3, Piano Music. Ebd. 1996. Spur 1-5 Stücke aus der „Klavier-Übung“, Spur 30-38 Bordun-Übungen aus Bd. 3 der Orff-Dokumentation (Orff 1976).