Carmina Burana (und das Orff-Schulwerk „Elementare Musikübung“)

Es war der Welterfolg der szenischen Kantate „Carmina Burana“ und das Erlebnis seines Dirigats, das den berühmten amerikanischen Dirigenten L. Stokowski zu der Äußerung veranlasste: „It was one oft he greatest experiences of my life to conduct this music, which I believe to be of greatest importance in the history of music“ (Orff 1979, 85). Orff hat sein enthusiastisches Gefühl nach der Generalprobe in einem Brief an seinen Verleger in den bekannten, wohl nicht ganz wörtlich zu nehmenden Satz gefasst: “Alles was ich bisher geschrieben und Sie leider gedruckt haben, können Sie nun einstampfen. Mit Carmina Burana beginnen meine gesammelten Werke“ (Orff 1979, 66).

Die Rezeption der Carmina Burana in den späteren Kritiken und Programmen vermittelt oft den Eindruck, als hätte dieses Werk keine bedeutsame kompositorische Vorgeschichte. Vor allem wird Orffs Arbeit an einer Gymnastik- und Tanzschule, in der er fast täglich unterrichtet hat, meist nicht für Inspiration und Kompositionsprozess gewürdigt. Als Orff 1924 in der von ihm mitgegründeten > Günther-Schule für Gymnastik und Tanz als Musiklehrer und stellvertretender Leiter beginnt, liegen von ihm als Kompositionen von Bedeutung nur das, von Richard Strauss‘ Musik beeinflusste expressionistische Musikdrama „Gisei“ (1913) nach einem japanischen Theaterstück, die Tondichtung „Tanzende Faune“ unter dem Einfluss von Claude Debussy, die Kantate „Des Turmes Auferstehung“ und Klavierlieder vor. Orff befindet sich bei der Gründung der Günther-Schule noch „auf der Wegsuche“ (Orff 1975, 7), also in einer Phase der Stilfindung und des Experimentierens, die 1919 in München mit einem intensiven Studium der > Alten Musik beginnt. Mit seiner Arbeit in der Günther-Schule 1924 setzt eine Konkretisierung von kompositorischen Ergebnissen ein. Dazu gehören die Neubearbeitung des „Orfeo“ (Orff: „Orpheus“) und des „Lamento d’Arianna“ von Claudio Monteverdi, die Werfel- und Brechtkantate sowie die a-cappella Sätze „Catulli Carmina“ und „Concento di Voci“ nach Texten des römischen Dichters Catull.

Orffs Arbeit in der Günther-Schule kann von der Bedeutung auf seine kompositorische Entwicklung kaum überschätzt werden. Die Günther-Schule wird für ihn zum „Experimentierfeld“ und zur „Werkstatt“ (Thomas 1977, 15). Seine Verpflichtung besteht in einem grundlegenden Musikunterricht für die Gymnastikschülerinnen. Aber seine eigentliche geistige und künstlerische Aufgabe sieht er in einer grundlegenden „Regeneration der Musik von der Bewegung, vom Tanz her“ (Orff 1976, 17). Das Medium für diese Regeneration bildet der Rhythmus, „die einigende Kraft von Sprache, Musik und Bewegung“ (ebd.). Der Weg dorthin führt über seinen Unterricht mit Frauen, die sich täglich mit Gymnastik und Tanz befassen und deren Musikbegriff motional und körperhaft ist. Als Bindeglied zwischen ihm als tanzunerfahrenem Musiker („Mein Vater … hat nie in seinem Leben das Tanzbein geschwungen“ G. Orff 1992, 29) und seinen bewegungsorientierten Schülerinnen entwickelt Orff die > Dirigierübung als gestisch-tänzerische Improvisationsform und entdeckt die dem Tanz immer nahestehende > Körperperkussion. In dem daraus entstandenen Konzept der > Elementaren Musik stecken als Voraussetzungen das tänzerische Potential des > Ausdruckstanzes nach M. Wigman, die Erkenntnisse der > Musikethnologie über den motionalen Charakter vieler nichtwestlicher Musikkulturen und die Entstehung einer künstlerischen Werkstattidee, wie sie im > Bauhaus greifbar wird.

Natürlich steht bei der Rezeption der „Carmina Burana“ die rhythmische und klangliche Inszenierung der Sprache im Vordergrund. Aber die Grundlage der überwältigenden Kraft der Rhythmen beruht auf Orffs täglicher Begegnung mit der Dynamik von Gymnastik und Tanz während des Kompositionsprozesses. Er hat sich auch nach seinem Rückzug aus der Unterrichtsarbeit zuweilen in der Günther-Schule aufgehalten, um mit den Schülerinnen auf den Elementaren Instrumenten zu improvisieren und sich von tänzerischen Bewegungen für rhythmische Strukturen anregen zu lassen, wie die Günther-Schülerin Lola Harding-Irmer berichtet (Widmer 2002, 131f.). Offenbar hat er solche Impulse unmittelbar in die Partitur einfließen lassen, denn ein Foto von 1935 zeigt ihn in der Entstehungszeit der „Carmina Burana“ komponierend auf dem Boden der Schule (Regner 2002, 73).

Carl Orff hat die bausteinhafte Materialsammlung des Orff-Sulwerks > „Elementare Musikübung“ mehrmals seinen „Steinbruch“ für das kompositorische Werk genannt (Keller 1985, 18). Orff-Forscher W. Thomas hat zum ersten Mal konkrete Beziehungen von der „Elementaren Musikübung“ zu einzelnen Werken Orffs nachgewiesen (Thomas 1977, 126-132). Das betrifft außer den „Carmina Burana“ die Werke „Der Mond“, „Ein Sommernachtstraum“, „Catulli Carmina“ und „Die Bernauerin“.

Folgende Bausteine aus Orffs Arbeit mit der Elementaren Musikpraxis finden sich in den „Carmina Burana“, die durch die Bekanntheit des Werks Musikgeschichte gemacht haben:

  • Nr. 6 Tanz „Uf dem Anger“
    Der Rhythmus eines Zwiefachen ist vorgeformt in der „Rhythmisch-melodischen Übung“ (Orff 1933), S. 12, Nr. 54 (Kugler 2000, 248). Ein Baustein zum musikalischen Satz findet sich in der „Klavier-Übung. Kleines Spielbuch“ (Orff 1934/1962), Nr. 32, S. 14 (Thomas 1977, 126).

  • Nr. 8 „Chramer, gip die Varwe mir“
    Dreistimmiger Satzbaustein zum Summchor in T. 12 ff. in „Klavier-Übung. Kleines Spielbuch“ (Orff 1934/1962) Nr. 36, T. 21-26
  • Nr. 9a „Reie“
    Dreistimmiger Baustein zum musikalischen Satz in T. 21-24 in „Klavier-Übung. Kleines Spielbuch (Orff 1934/1962), Nr. 36, 17 (Thomas 1977, 127).
  • Nr. 9c „Chume, chum geselle min“
    Zweistimmiger Baustein zum musikalischen Satz, ein Ton höher notiert in der „Rhythmisch-melodischen Übung“ (Orff 1933), Nr. 89, S. 40 (Kugler 2000, 254).
Literaturhinweise:
Keller, Wilhelm: Zeugenaussage über C. O. und sein Werk, in: Leuchtmann, Horst (Hg.): Carl Orff. ein Gedenkbuch. Tutzing 1985, 9-32
Kugler, Michael: Die Methode Jaques-Dalcroze und das Orff-Schulwerk „Elementare Musikübung“. Frankfurt/M. 2000
Kugler, Michael (Hg.): Elementarer Tanz – Elementare Musik. Die Günther-Schule München 1924 bis 1944. Mainz 2002
Orff, Carl: Rhythmisch-melodische Übung. Mainz 1933
Orff, Carl: Klavier-Übung. Kleines Spielbuch. Mainz 1934/1962
Orff, Carl: Lehrjahre bei den alten Meistern. Tutzing 1975 (Dokumentation Carl Orff und sein Werk, Bd. 2)
Orff, Carl: Schulwerk. Elementare Musik. Tutzing 1976 (Dokumentation Carl Orff und sein Werk, Bd. 3)
Orff, Carl: Trionfi. Tutzing 1979 (Dokumentation Carl Orff und sein Werk Bd. 4)
Orff, Godela: Mein Vater und ich. Erinnerungen an Carl Orff. München 1992
Regner, Hermann: Carl Orff und seine pädagogischen Ideen, in: Kugler 2002, 66-75
Thomas, Werner: Musica Poetica. Tutzing 1977
Vasil, Martina: Music for Children: Comparing Selection of Carmina Burana with Orff Schulwerk, In: The Orff Echo Vol. 48, Nr. 1, Fall 2015, 32-36
Widmer, Manuela: Die Schülergeneration, in: Kugler 2002, 121-135

 

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